09 - (19-Mar-21)

Dominique: Tag 11

Dominique: Heute waren wir eigentlich auf einen verhältnismäßig langweiligen Tag vorbereitet. Wir hatten Sambo gebeten, ein paar der einfachen To Dos die heute anstanden zusammen mit Mike zu übernehmen, damit wir uns um ein paar Admin Themen kümmern konnten. Von 9.00 bis 14.30 saßen wir am Frühstückstisch - für Tata gabs interessanterweise Fritten zum Frühstück - mit unseren Laptops und anstehende Aufgaben fürs Projekt strukturiert, emails beantwortet, einen Gastbeitrag für Self Pass (mit denen wir die Trikotkollaboration gemacht haben) und haben ausführlich gebrainstormed was Tata von ihrem Leben will, wenn sie irgendwann mal wieder in Europa ist.

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Dominique: Patrick, der Kanzler der deutsche Botschaft, hatte uns gestern ja zum Strand nach Lakka eingeladen. Um 13.14 haben wir ihm geschrieben, wie die Planung aussehe, Antwort fünf Minuten später: “Och, Planung ist so ein großes Wort. Ich mache jetzt Feierabend und werde vielleicht in einer guten Stunde losmachen.” Hört sich nach einem guten Freitag an.

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Dominique: Der Weg war kürzer als zu den meisten Vereinen, da wir zum ersten mal in Richtung südwesten rausgefahren sind, wo kaum Verkehr war. Botschafter Patrick war nicht in Sicht als wir um 16 Uhr ankamen, also haben wir es uns auf Liegen gemütlich gemacht und eine Flasche Weißwein und obstplatte bestellt. Der Strand war anders als der bei unserer Unterkunft nicht mit Plastik zugefüllt und es waren auch paar Kinder aus der Nachbarschaft am schwimmen. Patrick kam nach 30 Minuten ärazierlich in seinem 5-meter Kayak angegleitet und hat es nach anfänglichen Schwierigkeiten aus dem Wasser bekommen. Ich habe ihm geholfen das Kayak auf sein Auto zu verladen, wobei er mir erzählt hat wie er sonst eigentlich mehrere Tagestouren mit Übernachtungen per Kayak macht. Zuletzt vom Spreewald nach Berlin. Wußte nicht, dass man sowas mit Kayaks macht. Auf dem Weg hat er mit in der Bar ein älteres deutsches Ehepaar vorgestellt, das ich zu uns an die Liegen eingeladen habe. Wir hatten den Tag schon als den ersten Ruhetag abgeschrieben und hätten nicht erwartet, dass der Abend über Marion und Lars noch spannend werden würde.

Dominique: Als ich zurück kam sah ich nur wie Tata mit Vollsprint den Strand entlang lief, mit drei Kindern die ihr hinterhersprinteten. Kurz besorgt, hab ich dann verstanden, dass sie mit ihnen am spielen war. Die Kinder wollten eine weitere challenge und forderten mich dann zum Sprint den Strand entlang und dann zum schwimmen bis zum nächsten Boot im Meer, wo ich dann kurz den Weißwein bereut habe.

Dominique: Dann kamen Marion und Lars zu uns mit ihrem Bierchen und haben uns erzählt, was sie nach Sierra Leone gebracht hat. Lars ist Journalist, Marion Illustratorin. Vor fünf Jahren waren die beiden das erste Mal in Sierra Leone, um das Land zu bereisen und später in einem Buch zu berichten. Das Buch heißt “No Food for Lazy Man”, welches es auch als Hörspiel auf Spotify gibt. Auf ihrer Reise sind sie mit einer Schule in den Kontakt gekommen, welche Ausbildungen machen für Näher/innen. Das Problem war allerdings, dass die Schüler nach Beendigung ihres Abschlusses keinen Job als Näher/in gefunden haben u.a. weil sie sich eine Nähmaschine ($150) nicht leisten können. Das hat dazu geführt, dass viele in die Prostitution gegangen sind. Marion und Lars hat dieser Gedanke belastet und sie hatten eine coole Idee. Mit den fünf besten Schülerinnen in den Abschlussklassen produzieren sie Taschen im Africa Style aus Stoffen und alten Zementbeuteln. Sie haben uns die Taschen gezeigt - echt cool! Sie exportieren die Taschen nach Deutschland und verkaufen diese dort für €20 und verdienen pro Tasche selber €5, €12 Produktions- und Logistikkosten etc. und die letzen €3 bekommen die Näherinnen. Von diesen werden €1 für die Näherinnen zur Seite gelegt und für eine Nähmaschine gepaart. Mittlerweile haben die ersten ihre eigenen Nähmaschinen. Eine sehr schöne Idee fanden wir!

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Dominique: Danach haben wir Peter kennengelernt, der Betreiber des Strand restaurants. Peter ist ein ehemaliger Soldat der französischen Fremden Legion. Er lebt schon seit über 25 Jahren in Afrika. Zuerst in Zentralafrika und im Kongo. Sierra Leone sei im Vergleich dazu ein Paradies Afrikas was sicherheit angeht. Angeblich wirds in den französischen Teilen Afrika’s viel schneller gewalttätig als hier. Wie gut für uns, dass es Sierra Leone geworden ist. Ich habe ihn gefragt, ob er öfters dahin zurückgeht, aber er meinte das wäre nicht mehr möglich. Peter hat damals für den ehemaligen Präsidenten gearbeitet, was jetzt Grund genug wäre, dass Leute ihn umbringen würden. Damals hatte er eine Frau in der Zentralafrikanischen Republik (ZAF) aus einer wohlhabenden Familie mit der er auch eine Tochter hatte.

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Dominique: In der ZAR gab es vor einigen Jahren Angriffe einer muslimischen Militäreinheit auf die Hauptstadt, wo sie ein Massaker an Christen angerichtet hätten. Dabei haben sie seine Tochter verbrannt. Mit Nägeln die Tür zuggehämmert, Haus angezündet, Ende. Seine Frau konnte fliehen. Uns ist beiden komplett die Kinnlade runtergefallen. Peter hat das aber mit einer Trockenheit erzählt als würde er einen Zeitungsartikel zusammenfassen. Nicht nur wegen dieser Geschichte, sondern ein paar weiteren macht Peter den Eindruck als wäre er jemand der schon sieben mal hätte sterben müssen, aber irgendwie trotzdem lebt und ihm einfach nichts mehr anhaben kann.

Dominique: You deleted this message.

Tatjana Hoesch: Drogengeschäft scheint auch ein Riesen Thema in Sierra Leone zu sein. Hier wird einiges angebaut und für 10% von dem deutschen Preis verkauft. Dementsprechend kiffen hier sehr viele, Peter meinte es seine 8/10. In dem Zusammenhang hat er auch von einem Freund, namens Max (den Nachnamen wollte er uns nicht nennen) erzählt, ein Belgier der seit 15 Jahren Business mit Diamanten, Drogen bzw. Arzneimittel macht. Dieser Max sei wohl eine völlig verrückte Person sein. Ein workaholic, der durchgehend bekifft ist, schlafen tut er meist nur 2-4h. Der junge Belgier ist nur 35 Jahre alt und zieht aus seinen Geschäften in Sierra Leone 300 Millionen im Jahr raus und ist der größte Steuerzahler. Er habe wohl so eine Machtstellung in dem Land, dass alle seine 9 Kennzeichen den Namen Max haben und ihn niemals ein Polizist anhalten würde. Er schottet auch regelmäßig seine Autos und verliert dabei auch mal die Achse mitten im nowhere von seinem Auto, dass erst 4´000km hatte. Das kam uns alles sehr shady vor

Dominique: Sierra Leone war früher eine sehr reiches Land und das Augenmerk Westafrikas. Das hatten wir schon mal gelesen, aber anscheinend lief es sogar so gut, dass es ein Treffpunkt der italienischen ‘high society’ gewesen seie. Wer Geld hatte ging nach Südfrankreich, wer richtig Geld hatte ist fürs Wochenende nach Sierra Leone. Wenn man sich jetzt anschaut, wie es hier aussieht hat man echt den Eindruck als würde sich das Land rückwärts entwickeln.

Dominique: Dass Korruption ein Riesenproblem ist ist mehr als klar. Das Ausmaß wurde uns noch mal heute bewusst. Es ist angeblich ein offenes Geheimnis, dass Fatima Bio, die Ehefrau des Präsidentin, reihenweise Hotels im Nachbarland kauft mit veruntreutem Geld. Angeblich ist ein großer teil davon über eine “Hands off our girls” Kampagne” gekommen, die sich eigentlich gegen Kinderheirat und Vergewaltigung einsetzt. Hört sich ziemlich perfide an. Wer mehr lesen will kann hier reinschauen:
https://www.news24.com/news24/africa/news/sierra-leone-government-under-fire-over-graft-accusations-involving-first-lady-ministers-20210310

Dominique: Die Präsidenten kommen meistens arm ins Büro, aber verlassen es sehr reich. Was denkt ihr was ein Präsident in 1-2 Amtszeiten (zwei ist das maximum) verdienen kann? Peter sagt, dass man sich echt dumm anstellen muss um nur mit 150-200 Millionen Dollar aus dem Amt zu gehen. Smarte präsidenten seien ohne Probleme mit einer Milliarde rausgegangen laut Peter.

Dominique: In Momenten wie diesen fragen wir uns wie man eigentlich ein Land unterstützen kann in dem so viel falsch läuft und wo man das Gefühl hat, dass die ganz oben der ganzen Nation noch mal mehr Steine in den Weg legen. Warum macht es sich das Land so schwer? Könnte nicht ein guter Präsident/gute Präsidentin mal richtig aufräumen und das Land auf einen richtigen Kurs setzen? Wie viel Geld und Zeit wird von den vielen anderen Organisationen die wir hier treffen verschwendet, weil die an der Macht nur an sich denken? Zum einen regt man sich da sehr drüber auf. Zugleich kann leider 99% der Bevölkerung - und ganz sicher nicht die Kindern - nichts dafür, dass Politiker korrupt sind. Wenn man sich wegen solchen Geschichten von dem Land abwendet, gehts den Leuten - wie zum Beispiel den Kids die von 4€ im Monat am strand leben von Anfang der Woche - auch einfach nur noch schlechter. Unsere Einstellung dazu ist, dass wir nichts aktiv erschaffen wollen, womit sich vor allem Politiker brüsten können, sondern alle Vorteile direkt den Gemeinden zugute kommt. Es ist aber auch ein Thema über das wir viel nachdenken.

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Tatjana Hoesch: Auf morgen freuen wir uns. In der früh steht ein Hockeytraining bei Dock Cannol im Osten von Freetown an, wo wir letzte Woche schon waren. Am späten Nachmittag geht es zu den Emerging Leaders. Wir sind schon gespannt auf die neuen Kinder die wir kennenlernen.