10 - (20-Mar-21)

Tatjana Hoesch: Danke Moritz für den Tipp! Ein weiteres Buch, dass solche Themen behandelt und super spannend sein soll, ist „die Mitleidsindustrie“.

Tatjana Hoesch: This message was deleted.

Tatjana Hoesch: Tag 12

Eigentlich wären wir heute wieder zurück nach Deutschland geflogen (wie uns die Dame an der Rezeption heute freundlich erinnert hat). Etwas blauäugig sind wir angekommen mit der Idee innerhalb 2 Wochen den Container aus dem Hafen zu holen, das Equipment zu verteilen und eine Tour in die Provinzen zu machen, sowie dass die offizielle Übergabe des Stück Landes zum Aufbau des Hockeyplatzes zu bekommen. 2 Wochen später und langsam sieht es so aus als könnten wir den Container nächste Woche bekommen. Ups.

Tatjana Hoesch: Halb verschlafen haben wir heute früh um 7.00 Uhr die Unterkunft verlassen, um an einem weiteren Hockeytraining der Community „Dock Cannol“ im Osten Freetowns teilzunehmen. Schon etwas wacher, nach 40 min im lauten Verkehr durch die Stadt, sind wir in der Community angekommen. Als reminder, „Dock Cannol“ ist der Verein, der gewöhnlich auf einem Basketballplatz auf engem Raum mit sehr vielen Kids (> 50) Hockey spielt. Der Basketballplatz steht auf einem ehemaligen Wohngebäude einer Fabrik, das im Bürgerkrieg zerbommt wurde, steht. Heute hatten sie aber die Möglichkeit an einer Schule ihrer Community den „Sportplatz“ zu nutzen. Sie haben sogar mit einer Mischung aus alter Farbe und Wasser auf die Erde einen Schusskreis, Seitenlinien & Grundlinien aufgezeichnet und neue Tore gebaut. Dementsprechend sehr gut vorbereitet ging es los. Dome hat mit den älteren Kindern schon in kleinen Spielformen gespielt, während ich mit den kleineren noch ein paar Technikübungen gemacht habe. Anschließend wurden die Kids aufgeteilt und es wurde nur noch gespielt.

00000401-PHOTO-2021-03-21-01-57-03.jpg

00000404-PHOTO-2021-03-21-01-57-05.jpg

Tatjana Hoesch: In der Zwischenzeit habe ich mich mit Fanny unterhalten. Sie ist die Schwester des Trainers, was ich vorher nicht wußte und ist die erste weibliche Trainerin. Sie hat mir auch erzählt, dass sie eigentlich 16 Geschwister waren, aber 4 davon verstorben sind. Ihre älteren Brüder leben in USA, Senegal und Ghana. Viele der jungen ambitionierten Leute in Sierra Leone möchten am liebsten im Ausland arbeiten. Das sei auch sehr besonders an Sierra Leone im Vergleich zu Zentralafrikanischen Ländern, erzählte uns gestern Peter, nämlich, dass sie keinen so starken Nationalstolz empfinden und am liebsten wo anders hinwollen. Als ich überrascht war von der Anzahl der Geschwister hat Fanny nur gesagt: Wenn man Zeit hat, macht man Kinder. Eine Frau kann easy 20 Kinder bekommen und ein Mann locker 30 mal eine Frau schwängern. Dominique hat auch mit einem der Spieler gesprochen, dessen 6-jährige Nichte beim Training dabei war (sein Bruder is 24) und gefragt, ob das ein normales Alter ist um Kinder zu kriegen: „I don’t think there is a normal age, some have children with 35, some with 12“. Gerade auf dem Land soll das jüngere Ende des Spektrums recht häufig sein.

Tatjana Hoesch: Mit den Kindern in dieser Community macht es immer sehr viel Spaß, die haben einen richtigen Drive und auch die Community Trainer haben die Rasselbande gut im Griff.

00000414-PHOTO-2021-03-21-02-04-56.jpg

00000415-PHOTO-2021-03-21-02-05-57.jpg

00000416-PHOTO-2021-03-21-02-06-19.jpg

Tatjana Hoesch: Nach drei Stunden bei dem Training sind wir wieder in die Nähe unserer Unterkunft gefahren, bevor es um 16.30 weiter zum nächsten Training ging mit dem „Emerging Leaders“ Team. Deren Trainingsort ist ebenfalls an einer Schule. Dort haben sie sehr viel Platz, auch wenn sie nur einen Bruchteil davon nutzen. Als wir angekommen sind ist direkt Mohammed, 6 Jahre, selbstbewusst auf uns zugekommen und hat uns einen kräftigen (für seine größe) Handschlag gegeben. Wir hatten direkt vom Anfang an das Gefühl, das der Club sehr viel strukturierter ist als die anderen die wir bisher gesehen haben. Das liegt auch Bakar, dem Trainer, welcher im Ministerium für Jugend arbeitet und den smartesten Eindruck von allen Coaches macht. Es ist wirklich interessant wie unterschiedlich die jeweiligen Clubs sind: zum einen wie die Kinder miteinander umgehen und die Art der Coaches.

Tatjana Hoesch: Die Kids wurden direkt in Gruppen (kleine Jungs, Mädchen und ältere Jungs) eingeteilt und haben jeweils mit einer Routine begonnen: Beten, Warmlaufen, Dehnen und Technikübungen und einem anschliessendem Spiel. Während Dome mit den kleinen gespielt haben, habe ich mit den Mädchen etwas den Ball hin und her gepasst. Dabei wurde gute Laune Musik gehört und der Coach musste die Mädels auch hin und wieder ermahnen mit: „Stop Dancing, play Hockey“. :D

00000423-PHOTO-2021-03-21-02-08-54.jpg

00000425-PHOTO-2021-03-21-02-09-27.jpg

00000426-PHOTO-2021-03-21-02-09-41.jpg

00000428-PHOTO-2021-03-21-02-10-09.jpg

Tatjana Hoesch: In dem Verein sind es bisher nur 7 Mädchen die Hockey spielen, heute sind aber zusätzlich noch zwei neue Anfängerinnen dazugekommen. Von den Mädels sind 2 auch echt nicht schlecht und es macht sehr viel Spaß mit ihnen zu spielen. Nach den Trainings ging das übliche Aftertraining Fotoshoot los und bei Dome und mir wurde wieder das Dauergrinsen aufgelegt und die Kids haben uns coole Posen gezeigt.

00000430-PHOTO-2021-03-21-02-10-33.jpg

00000431-PHOTO-2021-03-21-02-10-47.jpg

Tatjana Hoesch: Dann hat plötzlich ein sehr großer Baum in der Nähe des Platzes gebrannt. In den weiteren 40 min die wir auf dem Grundstück waren, kam keine Feuerwehr oder ähnliches zum löschen vorbei. Während in Deutschland schon Panik geherrscht hätte hat es hier die wenigsten Kinder interessiert. In Freetown sehen wir beim rumfahren oft Rauchwolken, wenn wir durch die Stadt fahren. Müll wird oft direkt in der Stadt verbrannt. Neben vielen der anderen Sportplätze brennt auch gerne mal ein Plastikhäufen oder trockenes Gebüsch. Zum Glück breiten sich diese Feuer nicht aus. In der Lunge spürt man es trotzdem unglaublich, als würde sie an allen Ecken kratzen. Man fragt sich ein wenig, ob solche starken Plastikgerüche in so kurzer Zeit Schäden verursachen könnten, aber dann erinnert man sich, dass das für die Kinder und Bewohner der Stadt Alltag ist.

00000434-PHOTO-2021-03-21-02-12-17.jpg

00000435-PHOTO-2021-03-21-02-12-27.jpg

Tatjana Hoesch: Heute wurden wir auch wieder mit vielen Fragen konfrontiert wie: Do you have water for me?, Can you buy me food, can you buy me a phone?, I need clothes?, etc. Auch wenn es uns doch noch häufig schwer fällt darauf zu antworten finden wir aber mittlerweile die richtigen Worte. Eine sehr häufige Geste ist das hin und wegführen einer leichtgeschlossenen Hand zur Mund. Das ist hier das Zeichen fürs bitten um Spenden da man Hunger hat. Am häufigsten sehen wir das Leuten die ans Auto kommen, aber oft machen es auch die Kids beim Training. Wir haben gesagt, dass wir konsequent bleiben müssen mit dem nein sagen. Wenn wir uns ein mal darauf einlassen und den Kids essen oder Geld geben, dann wird es viele andere zu bewegen es auch zu tun - kann man ihnen auch nicht verübeln. Das würde aber den Fokus der ganzen Arbeit vom Hockey wegbewegen was wir auf jeden Fall vermeiden wollen. Auch wenn wir in Einzelsituationen den Kindern helfen könnten müssen wir uns auf eine Sache - den Sport - fokussieren, um diesen damit auch nachhaltig und gemeinsam mit den Kindern und Gemeinden aufzubauen.

Tatjana Hoesch: PS: die Domes neuen Strategien in den Polizeidiskussionen funktionieren super. Wurden heute zweimal angehalten und beide Male haben uns die Polizisten weiter gelassen. Dome’s fragt höflich aber sehr direkt die Polizisten ihre Maske richtig anzuziehen, da er sehr vorsichtig mit Corona seie (deshalb kann er ihnen auch leider nicht den Führerschein geben). Damit wollen wir direkt zeigen, dass wir keine Angst vor Auseinandersetzungen haben. Nervosität des Gegenübers ist das wichtigste Mittel für die Polizisten um Bestechungsgelder extrahieren zu können.