14 - (25-Mar-21)

Tatjana Hoesch: So, wir melden uns wieder. Die letzen zwei Tage haben wir Zeug für die Uni gemacht, da gab es nicht sonderlich viel zu berichten. Die letzten zwei Tage haben Sambo, Mariama & Mike die Dinge in die Hand genommen. Unser Fokus ist aktuell immer noch darauf den Duty waiver zu bekommen, damit wir endlich den Container aus dem Hafen holen können.

Tatjana Hoesch: Heute nachmittag ging es für uns dann wieder los. Kurz mit Sambo telefoniert und dann sind wir zum Sport Ministerium gefahren. Das Sport Ministerium verbinden wir mittlerweile automatisch mit viel warten. Auch heute als wir angekommen sind, mussten wir erstmal 1h auf Sambo warten. Ansonsten war es sehr ruhig dort, weil der Sportminister & Co. in Lesotho bei dem wichtigen Fußball Länderspiel sind. Dann ist Sambo mit seinem Moped angecruised gekommen und hat uns ganz begeistert erzählt, dass er von der NSA (National Sport Authority) die Bestätigung für den Duty waiver haben - jetzt aber doch noch ein Formular fehlt, bevor wir den Duty waiver final vom Sport Ministerium bestätigt bekommen. Für dieses eine Dokument, mussten wir wieder zu unseren Zollagenten in den Osten Freetowns fahren. Sambo, Mike & Mariama eingepackt sind wir mit dem Auto los. Dort angekommen, mussten wir noch kurz warten, weil Mariama noch beten musste, bevor wir mit den Zoll Agenten gesprochen haben. Sierra Leone ist ein sehr religiöses Land.

Tatjana Hoesch: Es ist aber egal, ob man Christ oder Muslim ist. Beide Religionen akzeptieren sich gegenseitig und oft wechseln die Menschen auch Religion. In der Familie von Mariama beispielsweise sind alle Muslim, aber ihre eine Schwester ist katholisch. Auch wenn Mädels muslimische Freunde haben, können sie mit in die Kirche gehen. In der Hinsicht ist Sierra Leone ein Vorbild für viele Länder mit religiösen Konflikten.

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Tatjana Hoesch: Fertig gebetet, sind wir in das Meeting mit dem Manager. Über die letzten Tage konnte wir sie von dem Anfangsangebot etwa LE30´000´000 auf LE14´000´000 runterhandeln für die Kosten den Container aus dem Hafen zu holen. Nicht ganz so happy mit diesem Ergebnis hat uns der Manager das finale Dokument, was wir für den Duty waiver benötigen zahlen lassen und morgen schicken die Custom Agents diese Dokument direkt zum Finance Department.

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Dominique: You deleted this message.

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Tatjana Hoesch: Anschließend haben wir Mariama bei ihr zu Hause abgesetzt, da sie in der Nähe der Zoll Agenten im Osten (dem hektischen Teil der Stadt) wohnt. So gastfreundlich wie Mariama ist, hat sie uns wieder ins Haus eingeladen. Ihre ganze Familie ist sehr gastfreundlich. Ruck zuck stand auch das Essen auf dem „Tisch“. Heute gab es ground nut soup mit Reis. Sehr lecker - hat mir auf jeden Fall besser geschmeckt als das selbstgemachte Fufu with sour. Erinnert ihr euch noch an die Fotos auf denen uns der Cousin von Mariama die Maße genommen hat, um etwas zu schneidern? Morgen ist es wieder soweit Freitag ist Afrikaner Day und diesmal sind auch wir prepared - Fotos kommen morgen.

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Tatjana Hoesch: Danach haben wir noch gequatscht in der Runde mit Sambo, Mike, Mariama und ihrer Schwester Floris. Es wurde nochmal interessant.

Tatjana Hoesch: Ganz harmlos hat das Gespräch begonnen, als ich Sambo gefragt hat, ob seine Baby Samira auch Afrikaner Kleidung trägt Freitags und Sonntags. Dann hat er schon kichernd super süße Fotos und Videos rausgesucht und uns sein süßes Baby in Afrikanischer Kleidung gezeigt. Plötzlich haben sie alle noch mehr gekichert. Scheinbar noch ein weiteres süßes Foto. Dominique kriegt das Foto vor mir gezeigt und ich sehe nur er seinen Kopf mit einem lauten, ekelndem „woaaah“ wegzieht. Danach kriege ich das Foto zu sehen. Kein baby, sondern ein sehr komisch belichtetes bild einer Muschi. Meine Reaktion fällt ähnlich wie die von Dominique aus und die anderen Lachen.

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Tatjana Hoesch: Wie sind wir von baby Fotos dahin gekommen? Wir haben den Übergang nicht verstanden. Jetzt ging es aber um Prostitution. Gestern wurde in Freetown die Ausgangssperre aufgehoben und dementsprechend haben die Clubs wieder offen seit gestern. Von anderen Corona Maßnahmen haben wir schon mal erzählt, die Mitternacht bis 5 Uhr morgens Ausgangssperre ist ähnlich sinnvoll gewesen. Das Foto stammte aus einer Whatsappgruppe eines Clubs zu dem Sambo mal hinzugefügt wurde. In dieser Gruppe sind auch teils Prostituierte drin: „some women also use the group to advertise their, eeh, business“. Nachdem wir die Raterunde letztens schon mit dem Präsidenten hatten: wie viel denkt ihr verdient eine Prostituierte? Leider nicht so viel. 8€ die Stunde. Kam uns beiden sehr wenig für eine solche Dienstleistung vor, allerdings wissen wir beide auch nicht was normal ist. 8 Arbeitsstunden gibt es (hoffentlich) nicht am Tag für die Damen. Wenn mans, aber mit dem BIP pro Kopf (471€) vergleicht erstaunlich viel. Der Fischerjunge den wir vor 10 Tagen getroffen haben verdient umgerechnet 4€ im Monat.

Tatjana Hoesch: Nach unserem Gespräch mit Jessica letzten Sonntag - und einer lockeren Stimmung dank Prostitution als Gesprächsthema - sprach Dominique vorsichtig das Thema Beschneidung an. Zunächst in Bezug auf Jungs - sehr normal hier, fast alle sind beschnitten, was hier aus Hygienegründen schon sinn macht - dann auf Mädchen. Mike hat gesagt, dass er unbeschnittene Frauen besser findet. Floris hat direkt gesagt, dass ihr Kind nicht beschnitten wird. Sie und Mariama sind beide auch nicht beschnitten. Ihr Vater war stark dagegen. Sie erklärten, dass das Gerücht, dass es den Sexualtrieb der Frauen reduziere auch nicht stimmt. Mariama erwähnte auch das Gesetz, welches Beschneidung unter 18 verbietet. „Yeah thats true, we probably won’t follow these protocols though. As soon as she is 10 we will probably make a trip back to Kono. I’m a traditional man. Also I think it would be nice for her to be part of the Bondo“ sagte Sambo. Wir waren zunächst erschrocken, da wir Sambo eigentlich nur als liebenswerten Menschen kennen und uns beide nichts schlimmes für ein Mädchen vorstellen können, als die stories die uns Jessica am Sonntag erzählt hat. Mit der bekannten Statistik, dass 90% aller Frauen beschnitten sind, wäre eine andere Antwort fast verwunderlich gewesen. Wir haben uns im Verlauf des Gespräches auf eine ruhige Art dagegen ausgesprochen, aber es wäre auch fehl am Platz gewesen, mit einem schockierten „wie kannst du nur?“ zu antworten. Wir sind nicht in Deutschland und damit ändern wir auch keinen Meinungen. Dennoch war es komisch. Gerade der Gedanke wie die kleine Samira - von der Sambo gerade noch Fotos in der Afrikanischen Kleidung gezeigt hat - dieser Prozedur unterzogen wird.

Tatjana Hoesch: Mike pflichtete Sambo bei. Er wird seine Töchter auch beschneiden lassen. Wir hatten ihn davor falsch verstanden mit „I like uncircumcised more“: damit meinte er allerdings nur die Frauen mit denen er Sex hat. Wir haben es - gerade nach dem Thema Prostitution - als eine sehr starke Doppelmoral empfunden, dass die Begründung ist die Libido der Frau zu reduzieren. Florin und Mariama argumentierten dagegen, aber während sie sehr unterschiedliche Meinungen hatten war es ein sehr entspanntes Gespräch, so als wäre es nicht unüblich drüber zu sprechen.

Tatjana Hoesch: Sambo hatte Bondo erwähnt. Das ist eine ‚geheime‘ Frauengesellschaft der man nur angehören darf, wenn man beschnitten ist. Das ganze hat laut Mariama seinen Ursprung im 16. Jahrhundert, wo die Frauen sechs Monate vor ihrer Ehe lernten wie man eine gute Ehefrau ist. Beschneidung ist ein Teil davon. Warum möchte man Teil vom Bondo sein? Das ganze hat einen kulturellen Wert und wir oft mit Status und Respekt verbunden. Oft kann es in Dörfern auch Türen zu höheren Positionen in den historischen Stämmen und Jobs verhelfen. Ein pendant gibt es auch für Männer - wo man lernt ein ‚guter’ Mann und Ehemann zu sein. Diese Gemeinschaften werden Porös genannt: „They teach you things like how to be a good husband, be loyal to your wife, how to fight, be less of a coward and so on“. Männer die gut kämpfen sollen wird zum Beispiel auf offene Wunden die Knochen von Tieren gerieben, um sie stärker zu machen. Am krassesten sind die Narben die Sambo am Rücken trägt. Hier werden kleine Löcher in den Rücken geschnitten - ungefähr so groß wie ein Fingernagel - welche dann mit einem Gemisch aus Kräutern beträufelt werden. Dies hinterlässt sehr starke Narben, die wie kleine Hubbel aussehen. Sambos ganzer Rücken ist voll damit. Er hat 298 Stück. Ein Foto war ihm davon nicht so lieb, was wir natürlich respektiert haben.

Tatjana Hoesch: Wenn ihr gerne mehr dazu lesen möchtet und ein paar Fotos sehen möchtet, dann könnt ihr diesen Artikel lesen:
https://www.dailymail.co.uk/news/article-7318897/Sierra-Leones-secret-societies-mark-bodies-minds.html

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