18 - (30-Mar-21)

Tatjana Hoesch: Reisetagebuch Tag 21

Tatjana Hoesch: Heute sollte ein weiterer Bürokratietag werden, doch das Schicksal wollte es anders mit uns, auch wenn einige Parallelen bestehen blieben.

Tatjana Hoesch: Um 10 Uhr waren wir mit Sambo, Mariama & Mike am Landesministerium verabredet, da wir dort noch auf die offizielle Übergabe und Erlaubnis warten von dem Stück Land auf dem wir planen den Hockeyplatz zu bauen. Kurz nach 10 waren wir da, Sambo ist dann 15 min später, Mariama 30min später & Mike 45 min angekommen. Uns kam es etwas komisch vor, vor dem Gebäude zu warten, um mit noch mehr Verspätung, aber dafür vollzählig, ins Meeting zu gehen. Aber es scheint auch keiner damit zu rechnen, dass man pünktlich erscheint. Endlich vollzählig ging es dann zum Assistenten des Director of Lands, Mr. Koroma. Mr. Koroma betonte noch mal, dass er das Projekt toll findet, erwähnte, dass wir uns um die Sicherheit des Platzes kümmern müssen und sagte dann, dass er in den nächsten zwei Tagen alles vorbereiten wird und wir am Samstag die offizielle Übergabe bekommen werden, bei der er sich wünscht alle Coaches & Managers & viele Spieler zu sehen. An sich super, aber das hatten wir alles schon mal gehört und wir fragten uns wofür das Meeting nötig war. Das was wir jetzt in zwei Tagen (hoffentlich) kriegen werden ist das wofür wir eigentlich heute da waren.

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Tatjana Hoesch: Motiviert mit unserem Duty waiver weiterzukommen sind wir direkt danach zum Sportministerium gefahren. Wir brauchen von dem Sportminister, Mr Nyelenkeh, eine Unterschrift für den Duty waiver und eine zweite um Erlaubnis zu kriegen einen Container als Stauraum beim Nationalstadion (direkt angrenzend zum Sportministerium) abzustellen.

Tatjana Hoesch: Heute ist allerdings ein sehr großer Tag in Sierra Leone. Das Fußballnationalteam, welches laut Wikipedia „bislang – mit Ausnahme regionaler Wettbewerbe – noch keine nennenswerten sportlichen Erfolge erringen konnte“ hat heute die Chance gehabt sich für den Africa Cup of Nations zu qualifizieren. Das ist schon seit Wochen das Nummer eins Thema im Ministerium. Nach einem unentschieden gegen Lesotho letzte Woche, hatte das Team heute die Chance sich durch einen Sieg gegen Benin zu qualifizieren. Für das Team und das Land wäre das vermutlich vergleichbar mit einem WM Finaleinzug für Deutschland. Der Präsident hat gestern versprochen - im Falle eines Sieges - jedem der Spieler 20.000 US Dollar und ein Stück Land in Freetown zu geben. Kein schlechter Deal in einem Land wo das BIP pro Kopf 500 Dollar im Jahr sind.

Tatjana Hoesch: Uns wurde auch gesagt, dass ein Sieg vieles für uns einfacher machen könnte, da der Sportminister die kommenden Tage extrem gut gelaunt sein sollte. Zugleich kamen wir uns aber ein bisschen blöd vor, vier Stunden vor dem Spiel den Sportminister nach Unterschriften zu fragen, zu mal er die ganze Zeit davor schon recht Busy war. Beim Warten haben wir in dem ganzen Trubel rund um das Spiel auch alle wichtigen Personen die was mit Sport zu tun haben und mit denen wir schon zu tun hatten getroffen. Darunter der Sport Minister, die guys von der National Sport Authority, der Sport Ambassador, weitere Directors und Presseleute. Nicht nur die Stimmung sondern auch die Outfits waren super für das anstehende Spiel. Aufgrund von Corona dürfen offiziell keine Tickets für das Spiel verkauft werden. Da wir auch unbedingt das Spiel anschauen wollten, haben wir Dalton, die Rechte Hand vom Sport Minister, gefragt in wiefern das möglich sein könnte. Er hat uns zugeflüstert, dass wir uns einfach an den Sport Minister halten sollen, sobald er ins Stadion geht. Daraufhin haben wir dem Minister auf WhatsApp geschrieben, aber keine Antwort bekommen. Sambo war parallel an anderen Optionen dran. Schon da nicht gerade aussichtsreich.

Tatjana Hoesch: In der Zwischenzeit waren wir dennoch weiter auf der Suche nach dem Sport Minister für die Unterschriften. Sambo meinte: „I got Information - the sport Minister is now at the youth department“, welches nebenan ist. Auf dem Weg sind wir einer Gruppe von Polizisten begegnet, welche alle Schlagstöcke/Petischen in der Hand hielten. Etwas eingeschüchtert von dem Anblick vor einigen Tagen, bei dem die Polizisten die Kinder geschlagen haben, sind wir an ihnen vorbei gelaufen und haben nett Hallo gesagt. Dann haben sie sich alle umgedreht und mit uns super lustig gesprochen und alle gegrinst, so richtig ernst nehmen konnte ich sie dann nicht mehr mit ihren Schlagstöcken in der Hand nehmen

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Tatjana Hoesch: Dem Sambo hinterhertrottend sind wurden wir am Tor des Youth Departments von einem Militär/Security Guy mit einer AK47 in der Hand angehalten. Er meinte: „I need to See ID“, Dome hat angefangen nach unseren Ausweisen im Rucksack zu suchen, dann meinte Mike aber: „No, not that type of ID“. Trotzdem hat es Dome geschafft den Security guy mit einem einfachen „We met the sport Minister twice last week“ zu überzeugen uns reinzulassen „mhm, ok, you can come in“. Dort angekommen, wurde uns natürlich gesagt, dass der Sport Minister schon wieder im Sport Ministerium ist. Perfekt. Wir hatten dann eine weitere Bekanntschaft mit einem security guy, der allerdings aussah wie der Hausmeister. Als wir durch einen Hintereingang ins Sport Ministerium gegangen sind. Super ernst kam er auf uns zu und meinte: „Identify yourself, Identify yourself!“, mit einem einfachen „Sierra Leone Hockey Association“ von Dome meinte er dann nurnoch: „Mhm okeeeee.“

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Tatjana Hoesch: Dann ging das Warten vor dem Sport Ministerium weiter, immer mehr Personen sind eingetrudelt. Auch ein Junge der eine SL Flagge für das Spiel auf der Backe trug. Irgendwie wollte ich mich, auch wenn wir zu dem Zeitpunkt immer noch nicht wussten, wie hoch die Chancen stehen das Spiel anzuschauen, darauf irgendwie vorbereitet. Dann habe ich den Jungen gefragt, ob ich auch eine Flagge auf die Backe bekommen kann. Doch als er meinte es seien 3 Schichten Nagellack habe ich mich von dem Gedanken abgewendet - weiß nicht wie gut das auf der Haut ist. Nach einem lauten „DOMINIQUE, TATJANA“ stand der Sport Minister dann auch mal neben uns, in einem höchst unseriösen Jogginganzug. Er hat uns direkt gesagt, dass er heute keine Zeit hat, wir aber morgen kommen können für die Unterschriften. Zum Spiel meinte er, er würde versuchen etwas zu ermöglichen

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Tatjana Hoesch: Nachdem dann auch schon einige Zeit mit Warten vorbei gegangen ist, haben wir nebenan am National Stadion afrikanisch zu Mittag gegessen mit Sambo, Mike und Mariama. Die Gerichte sind meistens Reis mit verschiedenen Soßen mit Fisch, Fleisch und Kräutern/Pflanzen - und sie sind super scharf (für einen von uns zu mindestens). Die vier gefüllten Teller kostet nur 20´000LE (1,67€). Da noch Zeit zum Spiel war und wir auch immer noch nicht wussten wie hoch die Chancen stehen, dass wir tatsächlich zuschauen können sind wir zum warten ins Auto gegangen. Auf dem Weg haben wir noch kurz mit einem Offiziellem gesprochen, der meinte, dass es schlecht aussehe. Doch dann kam Sambo mit Lamine ans Auto und meinte, dass er uns auf eine Art „Gästeliste“ geschrieben hätte. Guter Dinge hat uns Sambo noch einen Typen ans Auto geholt, der Sierra Leonische Trikots verkauft. Nachdem wir uns welche gekauft hatten, meinte Sambo, der selber schon ein altes Trikot anhatte, dass Mariama und Mike gar keines hätten. Dann haben wir auch die beiden noch eingekleidet, damit wir da auch als anständige Fan-gang auftreten. Doch dann meinte Sambo: „I myself, I am jealous now.“ Dann hat Sambo noch mit dem Typen auf seine eigne Art verhandelt (seht ihr im Video) und wir waren alle 5 im richtigen Dresscode.

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Tatjana Hoesch: Dann ging es los, der Minister hat das Sport Ministerium verlassen und ihm ist eine Gruppe von ca. 40 Personen inklusive uns gefolgt. Am ersten Tor ging schon das Gedränge los, unkoordinierte Polizisten die etwas lost schienen, versuchten zunächst den Schwall an Menschen aufzuhalten, doch dann ging es weiter aufs Geländer des National Stadium. In einem Tempo und mit immer mehr Menschen, die der Gruppe gefolgt sind ging es weiter zu den 2 „offenen“ Eingängen. Auf dem Weg ist plötzlich der Sport Ambassador super euphorisch auf uns los und hat uns umarmt, der eine halbe Stunde zuvor noch auf super seriös und Busy getan hat. Die Kombination aus sowas und 7-Stunde Wartemarathons macht es uns nicht leicht zu verstehen, was unser Standing hier vor Ort ist. Am Eingang angekommen wurde es wieder super hektisch, wir haben uns da etwas rausgehalten und abgewartet. Nach vielem hin und her sind wir auch ins Stadion gekommen und wollten uns setzen, doch dann meinte Mariama, wir sollten einen Platz frei lassen: „Social Distancing“. So richtig ernst konnten wir das nicht nehmen mit dem Möchtegern Umgang von Corona, wie wir schon zuvor viel erzählt hatten. 2 min später saß keiner mehr auf getrennten Sitzplätzen. Kurz vor 16 Uhr haben wir uns dann noch schnell entschieden Getränke kaufen zu gehen. Ich war schon besorgt, wir würden den Anpfiff um 16 Uhr verpassen. Doch als wir zurück kamen waren nichtmals irgendwelche Spieler auf dem Platz zu sehen. Recht schnell hat uns die Information erreicht, dass 6 Stammspieler aus dem Benin Team positiv auf Corona getestet wurden und sie sich geweigert hatten, den Bus zu verlassen. Die haben sicher auch social distancing zuvor betrieben. Mit dieser Info wurde dann das Spiel auf 19 Uhr verlegt mit der Aussage: „They have time to organise themselves.“ So richtig verstanden wir nicht, wie sie in der Zeit sich um positive Corona Test kümmern sollten oder was hier der Plan war. Da wir aber so heiß drauf waren dieses Spiel in diesem Setting zu sehen, blieb uns keine andere Wahl als zu warten, warten & warten…

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Tatjana Hoesch: Um 19 Uhr hat sich aber immer noch nichts getan und wir zu Sambo und haben ihn gefragt, ob es neue Information zum Spiel gibt. Er meinte, dass Spiel würde jetzt sicher um 21 Uhr starten. Uffff nochmal warten? Na gut, die Lust das Spiel anzuschauen, hatten wir ja nicht verloren. Wir sind ein wenig ums Stadium gelaufen und haben uns einen kleinen Snack gekauft, dann hat Sambo angerufen und gefragt, ob wir uns am auto treffen können. Als wir sie dann getroffen haben, meinten sie das Spiel wurde abgesagt. Wir konnten es nicht glauben und so richtig hat es auch keiner verstanden, ob Sierra Leone sich jetzt automatisch für den Africa Cup of Nations qualifiziert hatte. Ein wildes Warten ging zu Ende und beim verlassen des Sport Ministerium kam der sonst eher seriöse Sport Ambassador leicht besoffen und stark verschwitzt in seinem Unterhemdchen vorm Eingang des Sport Ministeriums. Er schrie uns im Auto an und kam ums hinterher, um uns noch eine bye bye Faust gegeben. Das Spiel wurde jetzt angeblich auf Donnerstag verschoben. We´ll see.

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