23 - (08-Apr-21)

Dominique: Heute sollten wir eigentlich beim Ministry of Lands eine Bescheinigung für das Stück Land abholen, aber das war doch nicht nötig. Morgen können wir einfach so mit Mr. Kamarake das Stück Land besichtigen. Dann soll es - wenn sich nichts ändert - uns überreicht werden, damit wir darauf beginnen können zu arbeiten. Konkret bedeutet das Umzäunen und Asphaltieren, damit dir den Platz auf einer gerade Fläche selber verlegen können.

Dominique: Wir haben die Zeit zum arbeiten genutzt, sodass der Tag erst richtig um 14 Uhr losging. Damit Tata vor dem Wochenende mit dem ersten großen Abschnitt ihrer Bachelor Arbeit fertig wird habe ich vorgeschlagen, dass ich mich alleine drum kümmere. Heute gabs eigentlich nicht spannendes. Es ging nur darum den leeren 20-Fuß container den wir gestern gekauft haben entgegenzunehmen. Ursprünglich wollten wir den Container am Nationalstadion, aber da das bald von den Chinesen renoviert wird will das Sportministerium den Platz ums Stadion möglichst frei halten. Spontan hat Sambo vorgeschlagen, dass wir es bei Hill Station, wo auch sein Team trainiert, auf die Anlage stellen können. Gestern haben wir zwei mal nachgefragt, ob es ohne extra Kosten möglich seie und er hat zum Glück ja gesagt. Die Sportanlage gehört Mohammed Kallon, dem laut Wikipedia erfolgreichsten Sierra Leonischen Fußballspieler, der unter anderem mal bei Inter Milan gespielt hat. Die “Anlage” umfasst konkret ein großes Gebäude in dem ein Radio “Kallon Radio”, einen großen Parkplatz auf dem es auch ein paar Straßenverkäufer gibt und einen kleinen Sportplatz. Davon haben wir auch schon mal Fotos geteilt von einem der Trainings bei Hill Station. Der Parkplatz ist vor allem echt groß, sodass der Container da eigentlich nicht stören sollte.

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Dominique: Losgefahren war es zunächst komisch zum ersten mal alleine im Auto - ohne Tata - zu sitzen, aber was soll man tun. Heute sollte ja eh nur ein kurzer tag werden. Angekommen war der Container schon da und sah auch aus wie man ihn erwartet hätte. Überraschend schnell dafür, dass wir ihn gestern erst gekauft hatten. Sambo’s erster Satz war dann allerdings: “We have problem”. Oh Gott, bitte nicht.

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Dominique: Es gab anscheinend nie eine richtige Vereinbarung mit dem Manager des compounds. Sambo hatte zwar mit ihm gesprochen, aber nicht mehr. Es kam aber direkt der manager. Sambo stellte ihn mir vor als “He’s in charge of this place”. Na immerhin konnten wir das schnell lösen. Der manager war ein mann Mitte 60, der sich beklagte, dass er vom steine schleppen für den container (worauf die Containerfüße abgestellt waren) jetzt leichte Rückenschmerzen hätte. Ich witzelte aber darüber mit ihm und wir sympathisierten direkt. Er erzählte mir von seinen acht Kindern - seine älteste is 24, sein Jüngster drei einhalb -, wir machten lustige Vergleiche zwischen Deutschland und Sierra Leone und dann sprachen wir noch darüber wie wichtig das Fördern anderer Sportarten in Sierra Leone, abgesehen von Fußball ist. Er war ein sehr herzhafter und nach 10 Minuten war ich mir sicher, dass er uns sicher den container umsonst hier abstellen lassen würde. Ich bat ihn dann noch ob ich ein Foto mit ihm vor dem Container machen kann, um zu zeigen, dass seine Hilfe auch gewertschätzt wird. Dann kam Sambo: “We have to talk to dee managa now” - “But he’s right here Sambo?” - “Eeeh? No no, he’s dee security gard”. Och nööööö. Naja, jetzt versteh ich mich jetzt sehr gut mit dem security guard vom compound. Vielleicht läufts mit dem ja ähnlich gut.

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Dominique: Wir haben ihn angerufen und er war deutlich weniger gut gelaunt. Er sagte uns auch, dass er 5,000,000 le für einen Monat will (~400€). Echt verdammt viel, dafür, dass der ganze Parkplatz leer stand und wir genauso dem team, dass auf der anlage trainiert helfen wollten. Ein viertel des container Kaufpreises für einen Monat zu zahlen fand ich auch verdammt viel. Er hatte wenig zeit zu sprechen und schickte seinen Assistenten. Der war zwar nett und ließ sich von uns überzeugen, dass das Projekt echt gut für die community seie. Er hat dann seinen chef angerufen und sich halbherzig für uns eingesetzt. Der chef wollte trotzdem seine fünf Millionen. Meinen Anruf hat er dann nicht angenommen. Ich habe die 10 Minuten warten genutzt, um dem Assistenten als kleines Dankeschön eine cola zu kaufen. Danach konnte ich den chef erreichen, um ihn vorzuschlagen, dass wir uns persönlich treffen, damit ich die situation erklären kann. In diesem Fall heißt das ihn zu überzeugen was für ein guter Mensch er doch ist und dass er sicherlich einer gemeinnützigen organisation helfen wollen würde. Er war in einem Meeting und meinte er würde sich nachher melden.

Dominique: In der Zwischenzeit war ich mit Sambo ein paar Schlösser kaufen. Denn es gab ein anderes Problem was es noch zu lösen galt: Wie stellt man (bei aktuell fünf Vereinen) sicher, dass alle einfach genug ans gelagerte Equipment kommen, aber ohne Risiko, dass man eines Tages mit einen leeren Container öffnet, weil nur eine Person mit bösen Intentionen sich bereichert hat? Oder nach einem Monat plötzlich weniger Schläger, Bälle oder anderes Equipment da ist als laut der Zählungsliste? Die Lösung die wir uns überlegt haben: fünf Schlösser, jeder Verein kriegt einen Schlüssel und wir nehmen die Ersatzschlüssel. So müssen alle coaches sich gleichzeitig treffen um Sachen aus dem Container zu nehmen und alle vereine kontrollieren sich gegenseitig. Mit den Ersatzschlüsseln kommen wir auch alleine an den Container, um zum Beispiel Equipment mit in die Provinzen zu nehmen. Mal schauen wie das klappt. Erstmal muss Equipment in den leeren Container. Die Schlösser konnten wir aber bei Sambo im Laden, M&M Enterprises, kaufen. Cool, dass wir ihn so auch auf eine natürliche weise unterstützen können. Den Laden hat er oft genug zu gemacht fürs Projekt. Ein großes Vorhängeschloss kostet 60.000 Le (4,80€). 80 cent davon sind Marge was ich sehr sehr wenig fand.

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Cornelius Heidmann: apropos Container - auch in Deutschland waren wir heute fleißig: Wie viele von euch vielleicht bereits wissen, spendet THC Münster uns den alten Hockeyplatz für Sierra Leone. Heute war es dann soweit, dass der Kunstrasen sauber aufgeschnitten und aufgerollt wurde, sodass wir ihn morgen mit vier großen 40-Fuß Containern nach Afrika schicken können (was für ein Spaß das dann nochmal beim Zoll in Freetown wird @41768017796 @491728935975 ...). Soweit ist alles für morgen vorbereitet: 30 Rollen Kunstrasen (mit Nummern für den Wiederaufbau markiert) und zwei volle Sprinter-Ladungen Equipment (einfoliert aufgrund der wunderbaren Wetterverhältnisse in Deutschland) liegen bereit für die Verladung der Container morgen. Es bleibt aufregend und wir hoffen, dass alles glatt abläuft -> in diesem Sinne back to Domi & Tata

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Dominique: Danach bin ich zu Mr. Kanu gefahren. Den manager des compounds, der mich inzwischen zurückgerufen hatte. Zum glück auch nicht zu weit entfernt. Ich bin alleine hingefahren, da ich nicht wie wir es sonst tun, mit einer ganzen Delegation auftauchen wollte hierzu. In person war er dann deutlich netter als am Telefon. Wir saßen in zwei Plastikstühlen auf seiner Veranda und beobachteten vom Hügel aus wie die Sonne über Aberdeen unterging. Er ist angeblich großer Sportfan und sei auch mal Kommentator für Fußballspiele der Nationalmannschaft gewesen. Da hatte ich durch unseren Fußballtag letzte Woche - das Qualifikationsspiel das dann doch nicht stattfand - zum ersten mal in meinem Leben Fußballwissen mit dem ich bei ihm punkten konnte. Er fragte aber dann doch was wir ihm bieten können. Ich schlug ihm vor, dass wir gerne die Löcher im Sportplatz mit Beton glätten würden. Das ist etwas was wir zuvor schon mal überlegt hatten mit Sambo. Wahrscheinlich müssten wir dafür nur einen Sack Zement und Sand kaufen und es dann selber machen. Das wäre auch eine enorme Verbesserung für Hockey bei den Hill Station Hockey Rangers, zu sehr geringen kosten. Leider fand er das nicht so spannend, da die Anlage ‘bald’ umgebaut werden sollte. Wann genau konnte er allerdings nicht sagen. Uff, also mal wieder ein Problem was sich nur mit Geld lösen lässt scheinbar. Ich habe ihm gesagt, dass wir als Studenten sehr limitiert sind, aber dass 400.000 Le (32€) möglich sein sollten. Für die Verhältnisse hier nicht wenig, insbesondere dafür, dass der Parkplatz eh kaum benutzt wird. Er war davon wenig beeindruckt und hat eine Million (80€) vorgeschlagen. Ich bin immer noch gar kein Fan davon für das abstellen Geld überhaupt zu zahlen. Dadurch, dass der container jetzt aber einfach schon abgestellt wurde sind wir auch in der absolut schlechtesten Verhandlungsposition die man sich wünschen kann. Am Ende sind es also eine million Le geworden. Keine Umsumme theoretisch, aber mir ging’s ums Prinzip, dass hier wieder jemand Geld für etwas wollte, was die Person eigentlich nichts an Zeit, Geld oder Energie kostet. Tata meinte, dann am Telefon “voll gut, viel besser als fünf Millionen”, was mich dann wieder etwas besser stimmte.

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Dominique: Danach bin ich zum Strand in Aberdeen an den Strand gefahren um endlich wieder joggen zu gehen. Bei uns ist das leider nicht gut möglich, da die ungefilterten Autoabgase und der Staub einem auf der Haut und in der Lunge brennen. Nach dem laufen sprachen mich dann zwei Jungen am Strand. Der eine verkaufte Bananen in einer Schüssel auf seinem Kauf. Der andere sammelte Müll am strand auf. Ich kann seinen Akzent nicht gut schriftlich festhalten, deshalb schreib ich’s normal und ihr könnt es euch grob dazu denken. Das Gespräch ist leider etwas sinnbildlich für viele smalltalk Gespräche - wenn auch nicht alle - die wir hier führen.

“You want to buy banana?”
“No thank you, I don’t have any money with me”
“OK. Where you from”?
“Germany”
“Ooooh, I like Germany. I love Özil”
“Yes, he’s very cool. I think he used to play even better a few years ago”
“Can you give me money for food?”
“Sorry, I don’t have any money with me”
“Next time?”
“Sorry, I really can’t help you with that unfortunately”
“Ok. I dream to be in Germany one day. I want to play against Bayern Munich”
“That would be amazing. I really really hope that that will happen in one way or another”
“Can you take me with you to Germany?”
“I’m sorry, I really can’t help you with that. I’d be happy to buy a banana after my run, but I don’t have any money with me”
“Ok”

“Hello, my name is David”
“Hi David, I’m Dominique”
“Can you give me money for food? I live on the street and sleep on the beach”
“I’m really sorry, but I really can’t help you with that, even though I wish that I could make things better for you”
“Many people are suffering in Sierra Leone.”
“We’ve heard a bit about that from our friends here. I wish it would be better. We are trying to help a bit and develop a new sport here, hockey. Its a bit like football, but with sticks and a smaller ball”
“Okay”

Dominique: Solche Gespräche machen mich immer etwas traurig. Vor allem weil es immer wieder passiert. In Deutschland betteln Leute passiv auf der Straße. Hier kommen Leute auf einen zu und es geht immer darum, dass sie Hunger haben, woran man bei ihrem Körper Gewicht auch nicht dran zweifelt. Sowas zu fragen ist auch nicht ohne Scham, sodass es einem umso mehr Leid tut, dass die Kinder und manchmal erwachsene bereit sind den Schritt zu gehen. Ich weiß auch nicht immer was man sagen soll. Zugleich hilfts auch nicht allen einfach Geld zu geben. Das löst das eigentliche Problem auch nicht und man will den Leuten auch nicht die Botschaft geben, dass einfach bei Ausländern nach Geld fragen das beste ist was sie machen können. In solchen Momenten rege ich mich umso mehr über die Leute auf, die politische Macht haben und der Entwicklung des Landes im Wege stehen, sodass solche Probleme fortbestehen. Ich habe mich sehr über den Input zu der Frage mit Korruption letztes mal gefreut. Wie würdet ihr auf solche Fragen antworten oder damit umgehen?

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Dominique: So. Der tag lief echt gut eigentlich. Doch dann schaute ich auf mein Handy um in unserer Whatsapp Gruppe mit den customs agents die Nachricht zu lesen, die Tata’s und meine Stimmung komplett gekippt hat:
“Good evening all,
I think we still have a problem at the custom.
Munnah just call me saying that they need one of us tomorrow to join them to take back our document at the ministry of sport for the minister to due another approval.! and take it to the ministry of finance and NRA as well for them all to approve it for us before we can have access to our container..
Thanks for understanding.”

Fuck me. Die Hoffnungen morgen den Container zu erhalten haben sich in der Sekunde ein mal komplett zusammengefaltet. Dazu: es fehlt nicht nur eine Sache. Wenn das stimmt müssen wir noch mal die ganze Prozedur komplett durchlaufen: Unterschrift aus dem Ministerium, Bestätigung von der National Revenue Authority, Ministry of Finance und vermutlich noch drei andere Stationen die morgen gefühlt zufällig gewürfelt werden. Morgen wissen wir mehr, ich befürchte das schlimmste und hoffe einfach dass ich mich irre.

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