24 - (09-Apr-21)

Tatjana Hoesch: Noch bedrückt von der Nachricht vom Vorabend im Kopf sind wir in den heutigen Tag gestartet. In der früh haben wir zuhause noch ausgemacht, dass wir uns aufteilen werden, sodass einer von uns bei der Übergabe vom Stück Land dabei sein kann und der andere in den Ministerien rumspringt & Druck macht, damit wir auch nach nach deren neuen System den Duty waiver erneut bestätigt bekommen. Bevor wir aber zu unserem Treffpunkt bei Hill Station gefahren sind, haben wir noch ein Medikament abgeholt, welches ein Sierra Leoner aus Deutschland für uns mitgebracht hat. Billy wohnt die Hälfte des Jahres in Berlin und die andere Zeit in Sierra Leone und das ganze seit 22 Jahren, er spricht auch recht gutes deutsch. Er ist primär Autohändler und kauft Autos in Deutschland, shipt sie nach SL und verkauft sie dann hier. So ein alter BMW kauft er in D für €990 ein, shipt es für weitere €900 und verkauft es dann für €4000 in SL. Mit dem kleinen Päckchen in das meine Eltern netterweiser noch Corona Test eingepackt haben ging es dann weiter mit diesem besonderen Tag.

Tatjana Hoesch: Bei Hill Station angekommen haben wir Sambo, Mike und einen der Custom Agents getroffen. Wir überlegten die ganze Zeit was die beste Aufteilung ist, doch dann meinte Sambo schnell, dass Mike zum Sport Minister gehen soll und wir beide mit zu der Übergabe des Stück Landes. Damit einverstanden ist Mike losgezogen. Bei uns hingegen ging es noch nicht so schnell los. Sambo hat mit Mr Karamakeh telefoniert, welcher meinte es müssen mindestens 15 Spieler dabei sein, es sei ihm sehr wichtig das Commitment der Spieler zu sehen. Puh, also zu dem Zeitpunkt war es 10 und wir hatten 1h, um die 15 Spieler aufzusuchen - etwas short notice. Sambo hat direkt den Kapitän seiner Mannschaft angerufen und ihn beauftragt Spieler ranzuholen. Von den anderen Coaches und Managern konnte keiner so spontan bis auf Osman. Also warteten wir. In der Zwischenzeit sind wir aus dem Auto raus, um die Schlösser des gekauften Containers auszuprobieren.

Tatjana Hoesch: Aus dem Auto ausgestiegen rannte sofort die kleine Aji mit ihren Freunden auf uns zu und umarmte mich. Die 6-jährige spielt auch wie ihre Schwester im Hill Station Hockey Club. Aji an der einen Hand und ihre Freundin Adan an der anderen sind wir zum Container gelaufen. Dabei war noch ein 12-jähriger Junge, Sahil, und ein kleiner 5-jähriger, der mit einem Tennisball rumgespielt hat. Dome und Sambo haben die Container Schlösser angeschaut und sind dann wieder ins Auto fürs Warten, während ich noch mit den kleinen gechillt habe. Dann haben sie mein Handy und die Kamera Funktion entdeckt und ein kleines Shooting ging los.

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Tatjana Hoesch: Mit Aji ist es schwer sich zu unterhalten, da ihr Englisch nicht so gut ist. Dafür grinst sie einen die ganze Zeit durchgehend an und erzählt einem etwas auf Krio. Sahil hat mir erzählt, dass er Fußballspieler ist, aber auch schon Volleyball, Basketball und Tennis ausprobiert hat. Ich bin mit ihm dann zum Auto gegangen und habe einen Hockeyschläger geholt und ihm gezeigt was Hockey ist. Dann haben wir den Schläger wieder zurück getan. Die Freundin von Aji musste dann plötzlich gehen und wurde für etwas geschimpft von ihrem großen Bruder und mit etwas beworfen, später sah ich wie die Kleine beim Kochen geholfen hat. Sahil meinte dann zu mir, ob ich Lust hätte mit ihm Tennis zu spielen, ich meinte klar. Gleichzeitig war ich aber etwas verwirrt, wir waren doch nur auf dem Parkplatz, Schläger waren auch nicht in Sicht geschweige denn ein Ort zum Tennis spielen. Sahil hat schnell eine Linie in den Boden mit seinen Fingern gemalt und den Tennisball dem kleinen Jungen aus der Hand genommen. Mit Tennis meinte er einfach mit der Hand den Ball über die Linie hin und her spielen. Ganz simpel, aber es hat richtig Spaß gemacht und wir spielten mehrere kleine Mini Matches. Langsam kamen dann aber auch die ersten Hockeyspieler, die mit zum Stück Land gekommen sind. Wir haben für ihren Transport bezahlt und Sambo und noch zwei weitere auf die Rückbank genommen und es ging endlich los - natürlich viel später als geplant!

Tatjana Hoesch: Nach etwa 20 min Autofahrt meinte Sambo dann zu Dome: „small small, go into this street.“ Wir beide waren etwas verwirrt, da es keine Straße war, aber sind dann doch rein, weil wir dachten, dass es von hier aus dann wohl zu dem Stück Land geht. Aber hier sind wir nur angehalten, um vom local Chief sein blessing abzuholen. Danach sind wir aus dieser „Straße“ wieder mit mehreren Versuchen rückwärts raus. Dann ging es weiter und wir blieben in einem weiteren Dorf stehen, wo wir auch ausgestiegen sind und das Auto gelassen haben. Noch schnell ein Wasser Säckchen gekauft und wir starteten den Fußweg zum Stück Land. Fußweg ist vielleicht ein wenig untertrieben, es war eine halbe Wanderung bergauf durch eine neue Community und als wir etwas gelaufen waren, sind wir auch auf Osman gestoßen, der dort schon länger auf uns gewartet hat, aber waren wir wirklich schon da? 20m weiter waren wir dann wohl tatsächlich angekommen und aus Domes Mund kam nur ein: „wir haben nen scheiß Hügel gekauft, wie soll man hier einen Hockeyplatz bauen.“

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Dominique: Tata und ich schauten abwechselnd das Land und uns an. Uns wurde von einem Land mit ein paar kleinen Unebenheiten erzählt. Das hier ist eine komplett schräge Fläche. Auf dem Grundstück sind Steine die teils so groß wie eine Badewanne sind. “We can roll them aside”. Ja, stimmt, aber dafür sind viel zu viele drauf als dass das in einer vernünftigen Zeit getan ist. Man müsste auch viel Geröll auftreiben, um alles zu glätten. Es wären glaube ich zu viele LKW Ladungen (mal abgesehen von Kosten), dass es sinn machen würde Sand und Kieselsteine heranzufahren. Wenn wir das Geröll vom oberen Teil des Hangs nehmen sehe ich eine Rutschgefahr in der Regensaison. Am unteren teil des Hangs kann man vielleicht noch was machen. Es war immer noch recht wellig und teils mit Gefälle, aber man kann es noch glätten. 30 Minuten später lernten wir leider, dass das stück nicht dazu gehört, sondern teil einer Straße ist. Die Option die ich aktuell sehen würde ist mit Dynamit den Hang etwas aufzulösen und das Geröll zu glätten. Mike und Mr. Karamake sagen, dass Sierra Leoner wahre wunder mit Baggern bewirken können. Ich habe noch meine Zweifel aber mich wirklich unglaublich freuen wenn ich mich absolut irre.

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Dominique: Das tatsächlich Stück Land

Dominique: You deleted this message.

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Dominique: Eine große Sorge ist die Straße die von der Hügelkuppe zum Gelände runterführt. Es ist eine recht steile Schotterpiste und in unseren Augen nicht ausreichend, damit ein LKW mit einem 15-Tonnen container da runterfahren kann.

Dominique: Mr. Karamakeh kam mit einer Delegation von 20 Personen an und sagte, dass wir schleunigst beginnen sollen, da wir nicht viel Zeit haben. Der Paramount Chief und die Parlamentsvertreterin des Wahlkreises waren auch dabei. Zuerst gabs ein Gebet: ein muslimisches und ein christliches. Das ist hier die norm und zeigt echt wie vorbildlich die beiden Regionen miteinander klarkommen. Wir dachten, dass mit schnell beginnen die Verlegung der Eckpfeiler gemeint. Es ging aber mit einer Zeremonie los, bei der viele Leute kurze Reden hielten. Oft wiederholte man sich dabei wie sehr man sich über die Entwicklung in der community freut und wie man hofft, dass bald Brücken, Hotels und viele Geschäfte dazukommen. Wir dachten zuerst, dass einzelne Leute der community versprachen, dass wir Hotels bauen würden, sodass wir den Punkt noch mal aufgreifen mussten als wir zum Wort kamen. Das war hier jedoch ein Missverständnis. Sie sprachen nur von Wünschen für die Community. Es kam aber schon öfters vor, dass in zu vorigen Meetings zum Platz immer ganz großes Versprochen wurde (unter anderem Hotels), sodass wir immer schauen, dass keine falschen Erwartungen geschaffen werden, die uns dann später unerwartet in den Rücken fallen.

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Dominique: Dann ging endlich das verlegen der Markierungssteine los. Es fehlte allerdings ein GPS gerät, sodass jemand losgeschickt wurde um eins von den Autos zu holen. Die Autos waren aber recht weit weg geparkt, sodass das noch mal 45 Minuten dauerte. Das war aber nichts gegen das verlegen der vier Steine. Das dauerte 3-4.5 Stunden. Die Menge von ursprünglich 60 Leuten hatte sich ein wenig verlaufen. Wir wurden eigentlich nicht gebraucht, aber konnten als die Empfänger des Landes nicht einfach abhauen. In der Zeit sprachen wir sehr viel über wie man das Land doch noch brauchbar machen könnte. Unsere Sorgen bestehen aber noch wie oben erwähnt.

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Dominique: Eigentlich hatten wir nicht erwartet mehr als eine Stunde am Gelände zu sein. Deshalb hatten wir uns auch heute - wie in den letzten zwei Wochen - nicht eingecremt, womit wir bisher auch recht gut gefahren sind. Bei fünf stunden in der Mittagshitze hatten wir keine Chance. Als wir eine leichte Röte bemerkten versuchten wir uns an den Schatten zu halten. Der Schaden war aber schon angerichtet und wir haben heute böse Tanlines mit nach hause gebracht.

Dominique: Danach sind wir noch mal zu Sambo’s Laden gefahren, um einen elektrischen Rasierer und Friseurschere zu kaufen. Unsere Haare werden inzwischen recht lange für die Hitze und anscheinend vertrauen wir uns gegenseitig mit einer Schere mehr als den lokalen Friseuren. Als wir uns kurz um etwas Wasser zu trinken vor den Laden setzten, kamen zwei junge Männer vorbei, die beide das gleiche, sehr saubere Hemd, lange Hose, und unterschiedliche, wenn auch gleich-komisch Bunten Krawatten anhatten. Einer von ihnen war weiß, was in der Gegend von Sambo’s Laden - und in Freetown grundsätzlich - sehr ungewohnt ist. Kaum beobachteten wir die beiden für zwei Sekunden rief Sambo dem einen schon zu “Hello Chase, ova here!”. Beides sind Missionare für eine kleine Kirchengemeinschaft namens Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints. Ejodamen kommt aus Nigeria; Chase kommt aus den USA in Utah - welcher Bundesstaat sonst auch. Irgendwie waren wir überrascht, aber irgendwie auch nicht: beide waren gestern Abend bei Sambo eine Stunde im Haus gewesen. “They tell me more abaut dee word of God, and oooh do I luv dee word of god, hehe”. Er hatte sie jetzt sogar noch zum Hockeytraining morgen Früh eingeladen, aber sie sagten ihm, dass sie eine andere Verabredung haben und es eng werden könnte - ich dachte das ist das was sie sonst von den Leuten hören mit denen sie sprechen würden? Chase hat sich für zwei Jahre zur Mission verpflichtet. Wir fanden das eine unglaublich lange Zeit, aber zugleich mussten wir auch witzeln, dass Sierra Leone das beste Land dafür ist. Hier sprechen einen die Leute auf der Straße ja schon so ohne Grund einfach so an und freuen sich über alles was man zu sagen hat. Sierra Leoner:innen lieben wirklich Fremde.

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Dominique: Am Abend haben wir zu dritt noch mit Conny gesprochen. Wir freuen uns dass in Münster heute alles am Ende dann doch super lief (muss conny noch was zu schreiben), aber das Problem mit dem Platz ist echt ein riesen Problem. Die Nachrichten von gestern waren sehr schlecht, das heute war wirklich einfach scheiße. Wenn es dann (hoffentlich) eine schöne story von dem ersten Hockeyplatz in Sierra Leone geben wird, dann ist heute sicher der absolute Tiefpunkt. Am Wochenende machen Tata und ich noch mal einen kurzen reset um Energie zu tanken. Ab nächster Woche müssen wir echt einfach schauen, wo der Platz hinkommen wird und noch mal alle Optionen durchgehen, um das maximale Potenzial rauszuholen. Wir könnten den Platz auch zerstückelt bei den einzelnen Vereinen hinbauen, aber sollte erstmal nur die backup option sein. Wenn das hier durch ist können wir auf jeden Fall nicht prahlen, dass es einfach war. Zugleich bin ich heute komischer weise nicht so schlecht drauf wie gestern (vielleicht kommt das auch noch). Das hier Sachen einfach dauernd in die Luft fliegen und man nichts planen kann habe ich vielleicht ein wenig akzeptiert oder rede mir das noch ein. Die nächsten zwei Wochen werden vermutlich noch mal echt anstrengend, aber wir werden jeden Stein umdrehen, sodass endlich dieser gottverdammte Hockeyplatz in voller Qualität für die Vereine stehen wird.