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Tatjana Hoesch: Reisetagebuch Tag 34 - 37

Übers Wochenende sind wir nach Banana Island gefahren. Klaas, den wir über das deutsche NGO Netzwerk kennen hatte uns von einem Event auf Banana Island erzählt. Unter der Woche baut Klaas Schulen in SL, am Wochenende ist er leidenschaftlicher DJ. Dieses Wochenende hat er auf aufgelegt. Banana Island ist etwa 14km lang, ist bekannt für die feinen Sandstrände, sehr grün und dem guten Seafood. Auf der Insel gibt es 2 Dörfer mit jeweils 150 Einwohner, dazu gibt es noch 3 kleine Resorts. Wir haben in einem der Resort gewohnt, dem Bafa Resort. Die Zimmer sind Zelte die verteilt um das Resort liegen mit wunderschönen Aussichten aufs Meer. Das Resort gehört dem Ehepaar Emily und Sam, welche einen 3-jährigen & 4-monatigen Sohn haben. Sam ist ursprünglich Libanese, aber auch er wohnt schon in der dritten Generation in Sierra Leone. Emily ist Amerikanerin, hat ihren Master in Harvard in International Development gemacht und anschliessend 7 Jahre in Liberia gearbeitet. Nun arbeitet sie in Freetown als Country Managerin für das Tony Blair Institute und arbeitet eng mit dem Präsidenten und allen Ministern zusammen. Sie hat uns auch kurz erzählt, dass der ehemaliger Präsident seine Minister sehr viel enger geführt hat als der Aktuelle, Mr Julius Maada Bio. Geschwärmt hat sie vom neuen Education Minister, der Informatiker sei und bei MIT war, ansonsten sprach sie nicht sehr begeistert von den anderen Ministern.

Tatjana Hoesch: Der Weg zu Banana Island sind etwa 1h 15m mit dem Auto aus Freetown und eine anschließende 30min Bootsfahrt auf einem Tuckerboot. Auf der Bootsfahrt haben wir die ersten anderen Gäste, welche zu dem Event gefahren sind kennengelernt. Wir haben Ben und Olivia kennengelernt, ein britisches Pärchen. Ich habe mit Olivia gesprochen, sie ist nun seit einem Jahr Ärztin in Freetown. Als ich sie gefragt habe wie sie es empfunden hat, meinte sie direkt sehr schwierig. Man müsste jeden Tag positiv bleiben („we can do it“) und das bei den Bedingungen (gleichzeitig im Kopf „we actually can’t do it“). Viele Patienten können nicht behandelt werden, da sie die Behandlung nicht out-of-pocket bezahlen können. Sobald einer ins Krankenhaus kommt, wird geprüft, ob man zahlen kann, wenn nicht dann wird diese Person auch nicht behandelt. Sie meinte zwar es würde gesetzliche Versicherung existieren, aber nicht funktionieren. Ein weiterer Punkt ist auch einfach ein Mangel an Geräten und Equipment, der es schwierig macht die Patienten gut zu behandeln. Außerdem meinte sie auch, dass Korruption ein riesen Thema sei im medizinischen Versorgungsumfeld. Dome hatte sich mit Ben genauer unterhalten. Er ist Freelancer Journalist und schreibt Artikel u.a. für den Economist. Es ist eigentlich immer ganz cool, zu hören was die anderen „weißen“ nach Sierra Leone führt. An der Insel angekommen wurden wir direkt mit einer frischen Kokosnuss begrüßt. Einige der Event Gäste waren schon dort. Abends hat Klaas dann aufgelegt, ein DJ der seine eigene Musik selber so feiert, dass einem garnicht die Möglichkeit bleibt sie nicht auch zu fühlen.

Tatjana Hoesch: Nach dem Ausschlafen am nächsten Tag sind wir noch zu einer anderen Insel geschwommen. Ebbe und Flut sind recht stark hier und bei Ebbe ragen auch einige Steine aus dem Wasser. Einen hat Dome auch näher kennengelernt als er dagegen geschwommen ist. Der arme Stein oder der arme Dome?! Nachdem er dann noch auf der anderen Insel seinen Fuß und seine Finger an Steinen aufgeschlagen hat sind wir wieder zurück geschwommen in das Resort und es gab super köstlichen Ladyfisch zum Abendessen und am nächsten Tag ging es zurück, also auch zurück zu unseren Herausforderungen zum duty waiver und dem Stück Land.

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Tatjana Hoesch: Es gibt nämlich erste Versuche Prozesse in den Ministerien zu digitalisieren. Guter Gedanke, aber man merkt, dass sie hier noch am Anfang einer Digitalisierung stehen (also eigentlich wie in Deutschland). Eigentlich wollten wir uns heute mit Salis treffen, dem Präsidenten der local Hockey association, um mit ihm zum Stück Land zu fahren und dort die Möglichkeiten zu besprechen wir man dort einen Hockeyplatz bauen könnte oder ob man doch andere Alternativen näher anschaut. Allerdings hatte er uns dann kurzfristig abgesagt, weil einer seiner Mitarbeiter von einem LKW überfahren wurde und er zur Beerdigung gegangen ist. Salis ist selten präsent, da er auch teilweise in Ghana lebt oder wenn er in SL ist sich um sein Mining Business in einer der Provinzen kümmert. Dennoch ist er durch seine Kontakte, zum Beispiel zum Bruder vom Präsidenten, hilfreich. Wirklich leben tut der Verband aber von den tollen Coaches.

Tatjana Hoesch: Heute früh haben wir dann Sambo angerufen was der Status von der NRA ist und er rief 15 Minuten später zurück mit „you have to come to the ministry NOW, the NRA guys are on their way.“ „Now“ ist relativ. Beim Ministry angekommen war noch keiner da, nicht einmal Sambo und das Wartespiel ging los. Irgendwann bin ich ins Gebäude, da ich auf Toilette musste. Als ich die Treppe wieder runterlaufen wollte hat mich der Fahrer des Ministers noch einmal zu sich gerufen. Er hing auf einem Sessel und hat dort gechillt. Ein komisches Gespräch ging los. Er hatte mich gefragt bis wann wir in SL bleiben würden. Ich habe ihm dann gesagt, dass so wie es jetzt aussieht, wir bis Anfang/Mitte Juni bleiben würden. Dann hat er mich gefragt, ob ich davor noch Zeit haben würde ihn zu heiraten. Ich war ganz höflich und meinte, dass wir uns in dieser Zeit leider sehr auf das Projekt konzentrieren müssen (Und da bleibt leider keine Zeit zum Heiraten). Er ließ nicht so ganz locker und die nächste Frage war, ob ich ihn bei ihm Zuhause besuchen möchte. Ich hatte mir kurz gedacht mhm vlt. Ganz cool, wenn Dome und ich auch seine Community kennenlernen, aber ich glaube ich hatte die Frage nicht sofort richtig verstanden. Auf meine Antwort, dass ich den Dome mal frage meinte er dann sehr direkt: „no, if you alone want to visit me. My house is only 15 minutes from here“. Daraufhin meinte er noch, dass ich ja das Auto hätte mit dem wir gemeinsam zu ihm fahren könnten, aber da meinte ich direkt, dass ich das nicht alleine ohne Dominique fahren könnte. Daruafhin sagte er nur „No, you should come alone“. Mmhhh, maybe not. Er lag aber die ganze Zeit zurückgelehnt in seinem tiefen Sessel. Es war ein sehr komisches Gespräch, und was auch immer er da versuchte war eher halbherzig.

Tatjana Hoesch: Beim Warten ist auch Mr Coker der Vorsitzende der NOC (National Olympic Committee) bei uns am Auto vorbeigekommen. Conny und Dome waren mit ihm im Sommer bereits im Kontakt, ein angenehmer, etwas älterer Herr. Er war auch leicht genervt, da er gestern erst einige Stunden beim Ministerium warten musste, bis ihn der Minister angerufen hatte und nett meinte er solle doch morgen wieder kommen. Mr Coker ist Doktor und hatte gestern extra eine OP dafür verschoben, nur damit er heute wieder kommen musste. Irgendwie hat das meine Stimmung nochmal stark runtergezogen zu wissen, dass selbst er Stunden warten muss um dann nochmal zu kommen. Das zeigt einfach wie wahnsinnig schwer es ist irgendetwas hier in Sierra Leone vorwärts zu treiben, wobei Sport eine wichtige Rolle spielen könnte. Dann kam Sambo zum Auto und meinte, dass die NRA guys jetzt (nach zwei stunden einhalb stunden warten) da wären und wir schnell kommen sollten. Im Gebäude angekommen, meinte Sambo wir müssen doch noch kurz warten, da sie noch beten gegangen sind. Ramadan hat heute für die nächsten 30 Tage begonnen und daher folgen die meisten Muslime hier recht streng die Regeln (auf Essen verzichten könnte ich noc, aber kein Wasser trinken von 5am-7pm, stell ich mir hier in der Hitze sehr anstrengend vor). Mariama (Mama) hält sich da sehr strikt dran. Sie trifft sich nicht mal mit ihrem Freund, um nicht mal in Versuchung zu kommen Sex zu haben während der Zeit (sex ist auch verboten).

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Tatjana Hoesch: Mama steht am Ende ihres Bachelor Abschlusses in Buchhaltung. Nach Abgabe ihrer Bachelorarbeit vor einigen Wochen hätte sie am Freitag eigentlich eine Verifikation bekommen von der Universität, aber sie meinte das wurde verschoben, da die Professoren die Noten verloren hätten angeblich. Später hat uns unser Mitbewohner Linus dazu Videos gezeigt. Es gab wohl einen Protest für eine Lohnerhöhung(200-300% mehr war gefordert, sie haben aber nur 20% mehr erhalten) von den Professoren und daher haben sie gestreikt. Das heißt konkret, dass Prüfungen und Arbeiten nicht korrigiert wurden. Vielen Studenten fehlen jetzt Noten, wo es heißt, dass sie angeblich nie ihre Arbeiten eingereicht hätten. Bei Mama fehlen aktuell auch zwei Noten auf ihrem Diplom. Mal schauen wie das geregelt wird. Am Montag gabs dazu Proteste von Studenten an der Universität, wir haben dazu folgende Videos bekommen.

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Tatjana Hoesch: Dann ging es endlich in das Büro vom Sport Minister mit den Laptops von den NRA guys. Uns wurde gesagt „you need to bring own wifi, dee wifi at dee sport minsitry no da Work at dee moment“. Das konnten wir zum Glück noch ganz effizient mit einem mobilen Router lösen. Im Büro vom Minister kamen immer mehr Personen rein unter anderem vier Mitarbeiter der NRA, die auch ihren Laptop dabei hatten und das System geöffnet haben. Gut vorbereitet waren sie aber nicht, die software mussten sie erstmal über unseren Router runterladen. Der Grund warum die NRA guys letztendlich kommen mussten war um den Sport Minister Mr Nyelenkeh durch das digitale System durch zu babysitten. (Siehe Video)

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Tatjana Hoesch: Dann wurden wir in ein anderes Büro weitergeleitet vom Permanent Secretary, wo er noch mal durch den gleichen Prozess geführt wurde. Er hatte aber noch mehr Schwierigkeiten und hat dann eine 30-minütige Toilettenpause eingelegt, sodass die anderen dann für ihn einfach übernommen haben. Davor musste Dominique noch die internetverbindung einrichten. Nach 15 Minuten kam dann ein „we have small technical problem“ - bitte nicht jetzt. Es hieß das backend des Programms hätte ein Fehler. Wir mussten uns erneut etwas gedulden. Die beiden Mitarbeiter der NRA sagten, dass sie noch kurz zum Minister of Energy müssten. Dome: „Well how long will it take for the backend issue to be fixed“ - „Oh not lang, 2-3 minytes“ - „Where is the office of the minister of energy“ - „Mm, in the city center (20 Minuten Autofahrt)“ - „Well could you stay here for another 2-3 minutes then!?!?!“. Hier ists echt wichtig physisch Leute oder Sachen bei sich zu haben, um sicher zu sein, dass etwas gemacht wird, richtig ist oder existiert. Da kam der permanent secretary wieder und entschied, dass er jetzt gerne weiterarbeiten würde. Wir sind also mit seinem computer in den Flur gegangen und haben da gewartet bis der Backend Fehler behoben wurde.

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Tatjana Hoesch: Beim Warten hat uns auch der eine von der NRA genervt erzählt, dass sie die Leute vom Sport Ministerium oft genug gebrieft hätten, aber immer noch keiner mit dem System umgehen kann. Sie haben sogar ein 40-Seiten booklet erstellt worin der Prozess erklärt wird. Aber wir haben erhebliche Zweifel, ob Mr. Nyelenkeh jemals die erste Seite davon sehen wird. Nach einer halben Stunde warten hieß es dann wir können wieder ins Büro des Sport Minister. Dort hat er noch einige Mal laut und energisch (wie er es so gerne tut) „DOMINIQUE“, „TATJANA“ gerufen. Dann hatte ich noch einen kurzen Smalltalk mit ihm und ihm u.a. erzählt das wir auf Banana Island waren. In dem Zusammenhang hat der Sport Minister mir dann noch erzählt, dass Seafood Frauen fruchtbarer macht! Ein interessantes Gesprächsthema mit einem Sport Minister. Der Prozess beim Sport Minister ist - wie es scheint zumindest - Gott sei dank beendet. Wir verabschiedeten uns aber auch mit den Worten, dass wir uns vermutlich bald wieder sehen würden. Mr. Nyelenkeh lachte nur kurz.

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Tatjana Hoesch: Danach ging es schnell zum Finance Department, da sie nun die recommendation vom Sport Minister im System sehen sollten. Doch das Internet ging nicht, weshalb er uns morgen dann doch auf einem Papier die Bestätigung ausstellen wird, da er keinen Zugriff auf das System hatte, welches der eigentliche Grund für die extra Schritte zum Ende hin waren. Wie schön, dass wir den Prozess auch noch mal digital durchlaufen konnten. Vielleicht spart es uns immerhin Zeit, wenn der Platz ankommt und wir wirklich keine Zeit verlieren wollen. Als letzte Station sind wir noch in der Stadt gefahren und haben Mennah, der Frau von den Custom Agents die Unterlagen gegeben, die uns versichert hat, dass der Container nun wirklich bald rauskommen kann - zero vertrauen in ihre Worte, aber mal schauen. Im Anschluss haben wir Sambo und Mike noch nach Hause gefahren. Damit war auch schon der ganze Tag von 9.30 bis 19 Uhr gefüllt. Anschließend haben wir noch einen Stopp bei einem Supermarkt gemacht und dann ging es nach Hause, wo wir noch kurz gearbeitet haben.

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